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Selena

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Nein, das ist kein Scherz! - Die sprechende Robbe "Hoover"
erstellt am: 17/7/2004 um 09:26

Zitat
16. Juli 2004

"VERSCHWINDE DA!"

Hoover, der sprechende Seehund

Dass Papageien plappern, ist bekannt. Vielleicht auch, dass die Spottdrossel klingelnde Telefone nachahmen kann. Aber Seehunde? Eine Robbe namens "Hoover" war das einzige Meerestier, das sprechen konnte wie wir. Forscher haben jetzt sein Gehirn wiederentdeckt.

Es sieht nach einem romantischen Abend aus. Terrence Deacon, ein Bioanthropologe an der Universität Harvard, und seine Frau schlendern an diesem Sommerabend des Jahres 1984 am Bostoner Hafen entlang. Arm in Arm gehen sie auf menschenleeren Wegen. "Hey, you! Get outa there!", schallt ihnen plötzlich eine raue Stimme entgegen. Sie klingt, als gehöre sie einem betrunkenen älteren Mann. Nach einer Weile orten die Eheleute, woher die Rufe kommen: vom Pool des Boston Aquarium, der von einer Glaswand umgeben und tief in den Boden eingelassen ist. Aber dort steht kein rufender Wärter. Nur Seehunde schwimmen im Wasser. Einer liegt waagerecht an der Oberfläche, den Kopf im Nacken, den Mund geöffnet, die Augen geschlossen. "Hey, you!" Deacon starrt auf den Meeressäuger, auf dessen geöffneten Mund und in die ungläubigen Augen seiner Frau.

Am nächsten Morgen greift Deacon zum Telefon. "Das ist Hoover", erklärt eine Angestellte des Aquariums, "unser sprechender Seehund." Der erstaunte Wissenschaftler lässt sich Hoovers Geschichte erzählen: Im Mai 1971 gabelt George Swallow, ein alter Fischer in Maine, am Strand einen verwaisten Seehundwelpen auf. Er setzt ihn zu Hause in die Badewanne. Bald robbt der Findling in der Wohnung umher und dezimiert die Lebensmittelvorräte. "Hey, you! Get outa there!", brüllt Swallow fast stündlich und nennt den Vielfrass Hoover - nach seiner Staubsaugermarke. Doch böse sein kann er dem Heuler mit den ausdrucksvollen Augen nicht. Oft hört Hoover aus Swallows Mund eine einfache Lautkette "ha, ha, ha". Nach drei Monaten ist der Seehund selbst für den Gartenteich der Swallows zu gross. Sie tragen ihn zum Boston Aquarium.

Dort erreicht Hoover mit drei Jahren die Geschlechtsreife, und das bedeutet bei männlichen Seehunden: vermehrte Lautproduktion, um Nebenbuhler von begehrten Weibchen fernzuhalten. Am 11. November 1978 passiert Historisches: Ein Tierpfleger notiert im Beobachtungstagebuch über den siebenjährigen Seehund: "Sagt ,Hoover' in klarem Englisch. Ich habe Zeugen."

Nach und nach bringt Hoover ein gutes Dutzend Wörter hervor, die er wahrscheinlich bei seinem Ersatzvater lernte. Dazu ein stakkatohaftes Lachen: "Ha, ha, ha!" Hoover "sprach wie ein raubeiniger alter Mann, der gern einen hebt", berichtet die damalige Seehundtrainerin Patricia Fiorelli. Hinzu kam ein Maine-Akzent mit flachem A. Kurzum: Hoover klang wie George Swallow.

Seit Hoovers Pionierleistung fördern die Seehundtrainer des Bostoner Aquariums sprachbegabte Robben. Salisbury bringt ein "Hallo" hervor, Rigel ein "Hi". Beide bleiben aber nah an ihren Grunzlauten. Aus Rigels Paarung mit der Hoover-Tochter Trumpet geht Chuck hervor. Dieser heute neunjährige Hoover-Enkel produziert seit letztem Jahr "Hi", "How are you?" und eine "Ha, ha, ha"-Lachimitation. Er klingt weniger hemdsärmelig als sein Vorfahre - vielleicht eine Annäherung an die Stimmqualität der weiblichen Aquariumsmitarbeiterinnen, die Chuck seit seiner Heulerzeit kennt.

An menschliche Sprache nachahmende Papageien haben wir uns gewöhnt. Aber sprechende Seehunde? Das scheint uns im Innersten zu widerstreben - und reizt die Wissenschaft. Kaum hatte Deacon den Meeressäuger gehört, setzt er einen Examenskandidaten auf das Phänomen an: Harvard-Student T. H. Culhane verbringt 1984 mehr als 50 Stunden zwecks linguistischer Feldforschung an Hoovers Pool. Gelegentlich sitzt er sieben Stunden ab, ohne dass Hoover ein Wort verliert. Aber es gibt auch gute Tage; dann spult Hoover seine Sätze in einer mehrminütigen Darbietung immer wieder nacheinander ab.

Solchen Verbalexzessen gibt er sich stets in selbstvergessener Pose hin: waagerecht im Wasser, die Augen geschlossen, den Kopf gen Himmel. In Gegenwart von Trainerin und Fischeimer hingegen bellt Hoover nur zwei, drei Wörter - wohl, um mit dem geringsten Aufwand an den meisten Fisch zu kommen. Ansonsten entdeckt Culhane kein Muster hinter den Äusserungen des Meerestiers: "Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass Hoover weiss, was er sagt."
 
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Chucks Sprechkarriere beginnt im Jahr 2001. Eines Tages kommt seine Trainerin Cheryl Clark mit ihrem Fischeimer an den Pool und gibt Chuck ein Signal zum Lautausstoss. Aus seinem Bellen und Grunzen hört sie ein "How are you?" heraus. Von jetzt an lockt sie ihn mit Fisch auf das Poolufer und spricht ihm deutlich "How are you?" vor. "Wir verstärken immer nur, was der Seehund selbst anbietet", erläutert die Trainerin. Inzwischen antwortet Chuck oft mit einem klaren "How are you?". "Dabei benutzt er die gleichen Sprechorgane wie wir", sagt Clark, "er öffnet den Mund, bewegt leicht die Lippen, die Nasenlöcher, die Zunge und den Kehlkopf."

Bis Hoover auftauchte, war Forschern bei Seehunden kein sprachliches Nachahmungstalent aufgefallen. Diese Fähigkeit, nicht angeborene Laute zu imitieren, ist eine erste Voraussetzung für das Herausbilden von Sprache. über sie verfügen nur wenige Lebewesen unseres Planeten: der Mensch, einige Delfine und Wale sowie etwa 300 Vogelarten. So kann der amerikanische Mockingbird - zu Deutsch: die Spottdrossel - den Gesang von 80 Vogelarten sowie Türknarren und Handyklingeln nachahmen.

Die Mitglieder dieses zusammengewürfelten Clubs, dem jetzt wohl auch Seehunde zuzurechnen sind, haben eines gemeinsam: eine gute Atemkontrolle. Diese erlangten Meeressäuger und Vögel im Lauf der Evolution dadurch, dass sie ihre Bewegungen in Wasser und Luft mit einer effizienten Atmung koordinieren mussten. Entsprechend untalentiert in der Imitation fremder Laute zeigen sich unsere nächsten Verwandten, die Primaten. Sie sind zwar intelligent genug, von Wissenschaftlern Zeichensprache zu lernen, aber Wörter bringen sie nicht heraus.

Hoover und Chuck scheinen fremde Laute ähnlich zu erwerben wie einige Vogelarten. Frühprägung spielt eine entscheidende Rolle. Von Vögeln berichtet Deacon: "Sie hören als Küken bestimmte Klänge. Bis zur Geschlechtsreife sind sie so gut wie stumm. Dann reproduzieren sie die Klänge ihrer frühen Lebensphase - und lernen keine neuen mehr dazu." Auch Hoover habe nach der Geschlechtsreife offenbar hervorgebracht, was er von seiner ersten Bezugsperson hörte. Wegen einer Augeninfektion war auch Chuck als Heuler ständig in den streichelnden Händen der Aquariumsmitarbeiterinnen. Von ihnen mag er einen Satz besonders oft vernommen haben: "How are you?"

Vögel, Wale und Delfine imitieren unangeborene Laute mittels anderer Gehirnstrukturen und Artikulationswerkzeuge als der Mensch. "Der Seehund", so Tecumseh Fitch, Evolutionsbiologe an der schottischen University of St Andrews, "ist das einzige Lebewesen, das fremde Laute mit der Hilfe ähnlicher Gehirnstrukturen und Sprechorgane nachahmt wie wir."

Forschungen an Fossilienfunden haben kaum Erkenntnisse über die menschliche Sprachentwicklung gebracht. "Eine Vergleichsanalyse mit lebenden Arten, die zur Lautimitation fähig sind, ist eine viel versprechende Alternative", meint Fitch. Im Aquarium von St. Andrews möchte er Hoovers Fall rekonstruieren und jungen Seehunden das Sprechen beibringen.

Terrence Deacon, der heute an der kalifornischen Universität Berkeley lehrt, fürchtet, dass Fitchs Seehunden kein Wort über die Lippen kommen könnte. "Es fragt sich, warum nicht mehr Seehunde sprechen, wo doch viele in Aquarien von Menschen aufgezogen werden." Seine These: "Hoover litt wahrscheinlich als Welpe an einer Gehirnentzündung. Sie könnte eine Gehirnmanipulation verursacht und Hoovers graue Zellen zufällig den menschlichen näher gebracht haben." Bei einer Untersuchung nach Hoovers Tod im Jahr 1985 stellt ein Tierarzt Kalkablagerungen im Gehirn fest, was diese These erhärtet.

Kürzlich hat man im Boston Aquarium Hoovers Gehirn wiedergefunden. Deacon, der auch Neurowissenschaftler ist, will es demnächst untersuchen. Wenn die Zeit kommt, möchte er auch Chucks Gehirn analysieren. Falls Hoover einen sprachfördernden Gehirndefekt hatte, könnte er diesen an seinen Enkel vererbt haben. Fitchs Experiment hält Deacon jedoch für wichtig, um dem Mysterium der sprechenden Seehunde auf den Grund zu gehen.

An den Atlantikküsten Nordeuropas tummeln sich viele Vertreter der Hoover-Spezies Phoca vitulina. Sagen aus Schottland und Föhr erzählen von Seehunden, die sich in sprechende Menschen verwandeln. Wer weiss? Seehundstationen an der Nordsee setzen aufgefundene Heuler vor der Geschlechtsreife wieder aus. Vielleicht vertrauen später einige von ihnen - ob gehirngeschädigt oder nicht - den Wellen menschliche Worte an. Wer auf einer einsamen Wattwanderung also plötzlich Stimmen hört, möge an das Schild denken, das Mitarbeiter des Boston Aquarium am Seehundpool aufstellten: "Wenn Sie aus dem Wasser eine Stimme hören, ist das kein Grund zur Aufregung."

Katharina Kramer, mare

Teil 1
Teil 2


Bitte schaut auf der Webseite hier  nach, da kann man sogar einige Beispiele seiner Sprachkünste abspielen!

Selena